Herr Müller und seine Milch

Es ist schon eine Weile her, da flatterte mir dieser Kettenbrief zu einem Müllermilchskandal ins Postfach. Da ich auch in anderem Zusammenhang auf ihn gestoßen bin nehme ich an, dass er einige Verbreitung gefunden hat. Da er zudem so ziemlich alles falsch macht, was man bei der Kritik kapitalistischer Geschäftspraxis falsch machen kann, habe ich mir die Mühe gemacht, die falsche Kritik zu kritisieren. Nun denn:

Der im Netz kursierende Kettenbrief zieht in schamloser Weise die Moralität und Integrität eines namhaften, erfolgreichen und verdienstvollen deutschen Unternehmers in den Schmutz. Dafür werden die zugegebenermaßen ernüchternden Ergebnisse seines Wirkens allein seinem schlechten Charakter zugeschrieben. Dabei ist dieser Mensch ein derart gelungenes Exemplar eines gesellschaftlichen Leistungsträgers, dass es in der Tat geboten scheint, ihn vor den meisten Anwürfen in Schutz zu nehmen:

Alois Müller ist ein anständiger und gesetzestreuer Bürger. Seinen Unternehmensstandort zu verlagern und dafür Subventionen zu kassieren ist eher unternehmerischem Geschick als fehlender Moral zuzuschreiben. Nur ein schlechter Unternehmer hätte sich anders verhalten.
Empathische Leute wissen das auch oft und verweisen auf die schädliche Wirkung von Subventionen. Diese sind jedoch gänzlich unschuldig. Sie sind lediglich ein Mittel, Konkurrenzergebnisse im Sinne des Staates zu beeinflussen. Das klappt eben mal besser, mal schlechter. Das Müllers Entscheidungen meist schlecht für die Leute sind, liegt nicht am bösen Willen von Herrn Müller. Das liegt an einem Interessensgegensatz zwischen Besitzenden und Eigentumslosen. Was dem Einen nützt schadet dem Anderen, egal ob eine Subvention oder eine Lohnsenkung abgegriffen oder ob die Natur als kostenlose Müllhalde benutzt wird. Unsere Wirtschaft funktioniert für die Produktion von Profit und Wachstum. Das ist etwas anderes als Wohltaten für Mensch und Natur, also sollte man solches nicht von ihr und auch nicht von Herrn Müller erwarten.

Herr Müller hatte niemals den Auftrag, die Fördergelder für soziale Zwecke zu benutzen. Hätten das Land Sachsen und die EU aus armen Menschen wohlhabende Menschen machen wollen, hätten sie ihnen das Geld besser direkt gegeben. Dass hätte eine halbe Million für jeden bar auf die Kralle gemacht, also viel mehr als sie jemals bei Müller verdienen werden. Hätte die Politik die Armut in der Region abschaffen wollen, hätten sie für eine Lebensgrundlage für Alle gesorgt und nicht für 158 Arbeitsplätze.
Denn diese eignen sich nur sehr bedingt dazu. Diese Bedingung ist nämlich, dass Herr Müller genug daran verdient. Erst dann fällt etwas für den Arbeitnehmer ab, und zwar möglichst wenig. Außerdem wird Herr Müller umso reicher, je länger und intensiver gearbeitet wird. So ein Arbeitsplatz nützt seinem Besitzer tatsächlich nur insofern, dass er ohne noch schlechter dran wäre. Um dass mit einer Wohltat zu verwechseln, um die der Unternehmer anzubetteln ist, braucht es tatsächlich eine ständige Erinnerung an das Elend, in das einen zu stürzen der Unternehmer durch Entlassung in der Lage ist. So wird Armut nicht abgeschafft, sondern an die Kandaren genommen. Aus staatlicher Sicht ist das ein Erfolg. Mit den gezahlten Steuern wächst der nationale Reichtum und damit Deutschlands Einfluss in der Welt. Für dass alles kann Herr Müller nichts. Würde er die Arbeiter besser bezahlen, die Kühe gut behandeln und die Umwelt nicht verpesten, würde er nicht genug Profite machen. Dann würde ihm niemand mehr Geld geben damit er investieren und konkurrenzfähig bleiben kann. Man muss fair bleiben: Das wäre doch glatt sein Ruin, wenn er zuviel Rücksicht nehmen würde.

Die Steuerkohle als „unser Geld“ zu bezeichnen, ist übrigens auch ziemlich verquer. Es ist eben nicht unser, sondern, in diesem Fall, das Geld Sachsens und der EU. Aus der Tatsache, dass es Bürgern abgenommen wurde, folgt noch lange nicht, dass es ihnen zugute kommen muss. Und wenn zig Milliarden jährlich für Rüstung und Kriege wie in Jugoslawien oder Afghanistan ausgegeben werden, ist die Auffassung sehr gewagt, ausgerechnet bei einer Subvention für einen Herrn Müller würden jetzt plötzlich Gelder veruntreut, die eigentlich für unser aller Wohl gedacht sind.

Dass Herr Müller die NPD unterstützt, ist tatsächlich unfein. Erstens jedoch steht er als rechtsradikaler „Mittelständler“ (zum hochgelobten Mittelstand gehören auch zigfache Millionäre) nicht allein da. Zweitens sollte auch hier gleiches Maß für alle gelten. Die größte Gefahr für Migranten in Deutschland geht immer noch nicht von rechtsradikalen Schlägern, sondern von den Ausländerbehörden und dem BGS aus. Die einschlägigen NPD Forderungen wie „Arbeit zuerst für Deutsche“ und „Zügige Rückführung“ werden schon längst von SPDCDUFDPGRÜNE umgesetzt. Der „Aufstand der Anständigen“ beschränkt sich darauf, den staatlichen Behörden das Ausländerproblem zu überlassen und nicht selber Hand anzulegen. Nur den Gefallen, Rassereinheit zum ausschließlichen Sortierungsmerkmal in Ausländer und Deutsche zu machen, tut der Staat den Neonazis nicht. Immerhin aber tauchen auch Eingebürgerte der x-ten Generation in Kriminalitäts- und sonstigen Statistiken nicht als Deutsche, sondern als „Deutsche mit Migrationshintergrund“ auf. Richtige Deutsche haben deutsches Blut. Ein bisschen rassistisch ist das schon.
Aber auch ganz folgerichtig. Mit den meisten Migranten lassen sich weder Staat, noch Profite machen. Nur die für diese Zwecke brauchbaren Leute können sie die „Anständigen“ hier vorstellen. Damit man sie wieder los wird, gibt es eine Green Card Regelung ohne Familiennachzug. Die von den westlichen und örtlichen Unternehmerkollegen produzierten Flüchtlinge können weder die nationale Politik, noch die Vermögenden hier gebrauchen. Die vermehren hier kein Geld, sondern kosten welches. Also wird die Festung Europa ausgebaut. Flüchtlinge die sich nicht abhalten lassen, werden glücklicherweise meist tot angeschwemmt, so sind sie billiger. Wozu braucht es bei soviel gutbürgerlichem Anstand die NPD? In punkto Menschenfeindlichkeit bewegt sich Herr Müller absolut im Bereich des für die Zwecke dieser Gesellschaft Nötigen und Akzeptierten.

Herr Müller tut also kaum etwas, dass nicht als gut und anständig gilt. Er bewährt sich in der Konkurrenz, die bekanntlich ein genialer Trick ist, um das Beste für alle rauszuholen, und ist ein erfolgreicher Mehrer des eigenen und des nationalen Eigentums. Warum sollte man an ihm verdammen, was anderen als lobenswerter und vorbildhafter Leistungswille anerkannt wird? Als „Unternehmer die wissen, was soziale Verantwortung ist“ unterscheiden sie sich von ihm höchstens in ihrem Kommunikationsstil. Marx nannte so was „Charaktermasken“. Sozial ist bekanntlich, was Arbeit schafft. Wenn solche Spezies sozial werden, sollte man sich in Acht nehmen.

Wer den Herrn Müller trotz allem immer noch nicht mag, sollte folgendes bedenken, ehe er in buddhistischer Weisheit den „kleinen Hunger“ zu seinem besten Freund macht. Boykott als politisches Mittel scheint nur wirkungsvoll. Das Problem ist, dass Müller, wie alle Firmen die ihren Profit mit erfolgreicher Kostensenkung machen, einer der billigste Anbieter von Milchprodukten ist. Weil die meisten Leute sich nur das Billigste leisten können, könnten sie höchstens ganz verzichten, denn Müllers Billigkonkurrenten haben mit Sicherheit ähnliche Leichen im Keller.
Die Bessergestellten können sich immerhin ein gutes Gewissen kaufen – Wirkung hat ihre Boykottaktion nicht. Sie werden als Kunden nicht gebraucht. Das Geschäft mit dem Billigen ist ein Geschäft mit der Armut – auch Lidl, Aldi & Co leben davon, dass die Leute sich nichts Besseres leisten können. Warum also besitzen Leute wie der Herr Müller die Freiheit, sich so aufzuführen? Bestimmt nicht, weil die Leute seine Milch kaufen.