Alleinerziehende mal anders betrachtet: Die FAZ am Sonntag beklagt staatsunnütze Armenfürsorge und die entmündigende Wirkung von Sozialleistungen.

Die Lage der meisten Alleinerziehenden im Staate Deutschland ist hinlänglich bekannt und schnell skizziert: In Abwesenheit eines Familienernährers erwerbsmäßig auf sich allein gestellt, einen ob der lieben Kleinen erhöhten Finanzbedarf gepaart mit der Angewiesenheit auf eine deswegen noch lange nicht reichlicher sprudelnde Geldquelle namens Lohnarbeit, vielmehr in der Konkurrenz um Jobs durch häusliche Pflichten und Erwerbsbiographie benachteiligt und sowieso beim besten Willen nicht „Vollzeit“ für einen etwaigen Arbeitgeber verfügbar gilt für Alleinerziehende verschärft, was für den nur durchschnittlich bemittelten Bundesbürger ohnehin gilt: Kinder sind ein Armutsrisiko, denn sie sind sowohl Kost als auch Wettbewerbsnachteil und mit Lohnarbeit keineswegs ohne weiteres vereinbar.
Das wirft bei genauerer Betrachtung schon die Frage auf, wie es denn wirklich um den allgegenwärtigen „Wohlstand“ bestellt ist, der mit Demokratie und Marktwirtschaft sprießt und blüht. Weite Teile der Bevölkerung können davon nicht allzu sehr partizipieren, wenn selbst die normalsten Veränderungen von Lebensumständen dazu führen, dass die Betroffenen zu Sozialfällen werden: Alter und Arbeitslosigkeit, Nachwuchs und Scheidungen, von Krankheit nicht zu reden, scheinen diese Sorte allgemeinen Wohlstand schnell zu überstrapazieren und bedürfen staatlicher Pflege zu Bewahrung geordneter Zustände.
Das weiß man natürlich auch bei der FAZ, legt dem geneigten Leser die Problemlage allerdings aus einem etwas anderen Blickwinkel zu sonntäglichen Reflexion vor: „Alleinerziehende werden umsorgt. 40 Prozent von ihnen erhalten Hartz IV zu besseren Konditionen als andere Bedürftige. Arbeit lohnt sich da kaum. Ein neuer Partner auch nicht.“ Den Autoren ist nämlich aufgefallen, dass der Staat Maßnahmen trifft, um auch Alleinerziehende in Arbeit zu bringen. Damit begegnen sie der der Anschauung nach offenbar irgendwie nahe liegenden Sichtweise, Alleinerziehende als Leidtragende hiesiger Verhältnisse zu besprechen. Nicht nur leistet sich der Staat Sonderprogramme, um diese Sorte Unvermittelbarer für Arbeitgeber attraktiver zu machen. Eltern ganz kleiner Kinder verschont er sogar vom Arbeitsmarkt und lässt sie diese eine Zeit lang erziehen. Auch hat er schon Ende der 60er begonnen, mit außerökonomischen Diskriminierungen zu brechen. Heute gestattet er auf sich allein gestellten Eltern ganz gleichberechtigt, notwendige Betreuungskosten von der Steuer abzusetzen, egal ob es sich bei ihnen um Erwerbslose oder um Millionäre handelt.
Nach dieser die gegenwärtige Politik als offenbar besonders großzügig charakterisierenden Darstellung müssen sich die Autoren gegen Missverständnisse absichern. „Dabei behauptet niemand, Alleinerziehende führten auf Staatskosten ein komfortables Leben.“ Die Kritik gilt nicht übermäßigem Luxus. Es geht ums Prinzip. Der Sozialkram steht nämlich wie in liberalen und konservativen Kreisen üblich im Ruf, ein Verstoß gegen die Gesetze des freien Marktes und damit gegen die Freiheit überhaupt zu sein. So etwas muss gerechtfertigt werden. Daher messen die Autoren die teure sozialstaatliche Betreuung unproduktiver Esser am aus dieser Sicht einzig möglichen Maßstab: Es müssen dadurch weniger werden. Daran blamieren sie die gegenwärtige Praxis, denn die Alleinerziehenden werden immer mehr.
Wer glaubt, sein Lebenswandel sei seine Sache und gehe den Staat nichts an, sollte dem eine Klarstellung entnehmen. Den FAZ Autoren ist es eine Selbstverständlichkeit, dass die Bürger dem Staat zu Nutzen zu sein haben. Einsteins Weisheit, der Staat habe für die Menschen da zu sein und nicht die Menschen für den Staat, erweist sich gegenüber dieser Haltung als naiver Idealismus. So ist der eigentliche Skandal aufgemacht und die Suche nach Ursachen eröffnet: Nicht auf staatliche Betreuung angewiesene Familien haben ein Problem, sondern der Staat (vornehm: „Der Steuerzahler“) mit dieser Sorte Volk. Dieses bringt nichts ein sondern kostet, ohne sich durch seine Schwierigkeiten von der Alleinerzieherei abhalten zu lassen. Es ist bei dieser Optik nicht verwunderlich, dass die staatliche Betreuung in den Verdacht gerät, nicht nur unnütz zu sein, sondern den Betroffenen ihr staatsschädigendes Verhalten zu leicht erträglich zu machen.
Die beginnen nämlich glatt, mit den wenigen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln berechnend umzugehen. Da „verheimlichen“ Hartz IV Empfänger „Partner“, die neuerdings durch jede wie auch immer geartete Form der Verbundenheit gesetzlich finanziell in Haftung genommen werden. Ein BA-Sprecher entblödet sich nicht zu beklagen, dass die Bindung Alleinerziehender an neue Lebenspartner in gewissem Maße der Freiwilligkeit unterliegt: „Hartz IV schafft nicht unbedingt Anreize, in eine Partnerschaft zurückzukehren.“ Es ist natürlich ein Jammer, dass das Sozialsystem die gute alte ‚Vernunftehe’ so aus der Mode gebracht hat! So schnell ist der Artikel auf seiner Zielgeraden und legt noch ein paar Zacken zu. „Die staatliche Unterstützung nimmt den Charakter einer Trennungsprämie an“, vertieft der unvermeidliche Ifo-Chef Hans-Werner Sinn das Problembewusstsein. Dass sich Paare gemeinhin nicht wegen irgendwelcher Prämien, sondern in Ermanglung des Bedürfnisses nach weiterem Zusammenleben trennen, interessiert diesen begeisterten Hetzer gegen falsche Rücksichten natürlich überhaupt nicht. Dass zu viele Leute diese Freiheit überhaupt haben, ist abermals der Grund zur Unzufriedenheit. Vor gerade mal ein Paar Jahrzehnten biss man ja auch die Zähne zusammen und hielt es miteinander aus: Die Familie war eine Schicksalsgemeinschaft. Beklagt wird nun, dass die „Keimzelle des Staates“ ihre wertvollen Dienste nicht mehr leistet, wenn nicht Not die Familienmitglieder aufeinander verweist. Diesen Zustand wieder herzustellen ist dann auch der Inhalt der hier vertretenen „family values“. Der hohe Wert Familie entpuppt sich als das nette Ideal, die gegenseitige Verbundenheit solle doch gefälligst zur erfolgreichen Bewältigung aller Notlagen und zur arbeitsteiligen Erledigung der unter diesen Umständen widersprüchlichen Erfordernisse der materiellen und gattungsmäßigen Reproduktion führen. Deutschland benötigt sowohl Wirtschaftwachstum als auch Humankapital. Um beides zu erhalten braucht dieser Staat die Ressourcen dafür funktionaler Familien.
Diese wieder herzustellen erfordert nach Ansicht heutiger Ökonomen von Welt vor allem eins: „Anreize“. Die Strategie einer von der Leyen, die profitable Verwendung von durch Kindererziehung von der Arbeit abgehaltenen Eltern durch Kinderkrippenplätze überhaupt erst zu ermöglichen, gerät vor diesem Hintergrund in die Nähe des Sozialismusverdachts: „Ökonomen sehen die Sache nüchterner.“ Die wundern sich nämlich überhaupt nicht, dass Eltern keine Jobs annehmen, solange die Stütze höher ausfällt als das zu erwartende Einkommen. Verständnisvoll konzediert so ein Vertreter, dass solch freiwillige Verarmung sogar verantwortungslos wäre. Selbstverständlich muss dem elterlichen Verantwortungsbewusstsein auf die Sprünge geholfen werden. Und das, da gibt es kein Vertun, nicht etwa durch höhere Löhne, sondern durch weniger Stütze.
Der moderne Sozialstaat laboriert an einem Widerspruch, angesichts dessen sich Berufene seit einiger Zeit ziemlich radikal für eine Seite entscheiden. Eingerichtet wurde die staatliche Sozialbetreuung einmal als Reaktion auf die Unfähigkeit der Marktwirtschaft, dem von ihr benötigten Menschenmaterial auch nur die bloße Reproduktion zu ermöglichen. Die zur Verhinderung dieser Selbstbeschädigung ergriffenen Maßnahmen geraten nun in den Verdacht, lauter Sozialfälle zu schaffen, die ihre Aufgabe schon erfüllen würden, wenn sie nur müssten. So kommt es dann zu den zwar ewiggestrig anmutenden aber deswegen keineswegs weltfremden Klagen über alleinerziehende Mütter, die sich glatt in die Lage versetzt sehen, finanziell potenten Bewerbern Anträge auszuschlagen. Natürlich stellt sich dieses Bewusstsein völlig ignorant dagegen, dass die regelmäßige Unmöglichkeit der Bewältigung vieler Lebenslagen unter hiesigen Verhältnissen der Ausgangspunkt staatlichen Eingreifens war. Der Citoyen erkennt, dass hier etwas eingerissen ist und akzeptiert nur noch die Probe aufs Exempel als Bedürftigkeitsprüfung – ob jemand bedürftig war, sieht man dann hinterher. Statt die Leute zu irgendetwas in die Lage zu versetzten empfiehlt der moderne Sachverstand, den „stummen Zwang der Verhältnisse“ (Marx) seine Arbeit tun zu lassen. Man braucht den Leuten, die diesen Standpunkt vertreten, die Bemerkung nicht zu ersparen, dass sie sich von Faschisten lediglich dadurch unterscheiden, dass sie sich zur Scheidung zwischen nützlichen und unnützen Menschen auf diese Verhältnisse verlassen, statt selbst Hand anzulegen.
Das Finale wird dann noch anhand eines „Sozialphilosophen“ bestritten, der den Anspruch des Staates an die Familie angemessen in die Leitidee des Artikels, Sozialkram als Verstoß gegen die Freiheit zu besprechen, übersetzt: „Der Sozialstaat gleicht immer mehr einem totalitären Regime, das die Familien zerschlägt.“ In Wirklichkeit lockert er natürlich lediglich den Zwangszusammenhalt der Schicksalsgemeinschaft, der heutzutage offenbar wieder viel Positives abzugewinnen ist. Regelrecht komisch wird dann noch der Schluss, der wie eine konservative Version der bescheuerten linken Theorie von der Bestechung des Proletariats daher kommt. Durchaus richtig heißt es: „Der Staat macht das nicht aus moralischen Motiven der Gerechtigkeit, sondern aus eiskaltem politischen Kalkül.“ Dieses ist dann allerdings zu absurd, um nicht erwähnt zu werden: „Er macht seine Bürger zu abhängigen Untertanen und erwartet dafür Dankbarkeit in Form von Wählerstimmen.“ Der Philosoph ist sicher, dass dieser Staat ausreichend fest im Sattel sitzt um solches nicht nötig zu haben. Dass die Bürger ihre Zustimmung zu diesem Staat nicht davon abhängig zu machen haben, ob der ihnen irgendetwas nützt, ist damit nebenbei auch noch gesagt.
Was schließlich kann man solcher bürgerlichen Hetze gegen falsche Rücksichten entnehmen? Weder der Form noch dem Inhalt nach unterscheidet sie sich von Veröffentlichungen aus dem bürgerlich-rechtsextremen Spektrum. Der Artikel hätte genauso gut wie in der FAZ auch in der Jungen Freiheit erscheinen können. Grund für eine Parteilichkeit für das Soziale gegen die Gemeinheiten des neoliberalen Sozialabbaus ergibt sich daraus jedoch nicht. Die radikale Problematisierung aller sozialen Eingriffe in den Markt ist kein Hirngespinst bösartiger Menschenfeinde, sondern eine Seite der realen Erwägungen der staatlichen Macht bei der gesamtkapitalistischen Bewirtschaftung ihrer menschlichen und finanziellen Ressourcen. Wirtschaftsberater vom Schlage Sinns leisten sich den Luxus, von allen außerökonomischen Sachzwängen zu abstrahieren und einen rein von der marktwirtschaftlichen Rechnungsweise bestimmten Standpunkt zu vertreten. Nicht umsonst jedoch wird die wirkliche Politik von Anderen bestimmt. Die staatlichen Sachverwalter wissen durchaus, dass moderne Standorte ohne ein gewisses Maß an Volkspflege nicht zu haben sind. Dieses Maß jedoch steht ständig auf dem Prüfstand. Der Verdacht, Deutschland leiste sich an dieser Front eher zuviel als zuwenig ist immer präsent, wurde bereits in praktische Politik umgesetzt und ist jederzeit erneut einen Versuch in Sachen nützlicher Volksverarmung wert. Jedenfalls, solange die für solche Zwecke Eingesetzten diese Zwecke nicht angreifen, sondern sozialstaatliche Betreuung erfordernde Arbeitsplätze für eine Lebensgrundlage halten und sich ausgerechnet von den Verwaltern dieser Rechnungsweise mehr selbstbeschränkende Rücksichten bei ihrer eigenen Ausbeutung erhoffen.

Literatur:

Rainer Hank, Georg Meck: Die Hätschelkinder der Nation. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 24.1.2010. S. 29


3 Antworten auf „Alleinerziehende mal anders betrachtet: Die FAZ am Sonntag beklagt staatsunnütze Armenfürsorge und die entmündigende Wirkung von Sozialleistungen.“


  1. 1 Fricker 26. Januar 2010 um 10:53 Uhr

    Gerne sende ich Ihnen meine Meinung zu dem Artikel zu, diese hat auch die Redaktion der Sonntagszeitung erhalten:

    Sehr geehrtes Redaktionsteam!

    Ihr Artikel in der Sonntagsausgabe „Ohne Partner und ohne Arbeit“ hat mich negativ überrascht.

    Welche Motivation haben Sie, eine der schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft an den Pranger zu stellen? Alleinerziehende Mütter verdienen Respekt und Hilfe der Gemeinschaft. Sie kommen einer wichtigen Aufgabe nach – der Erziehung von Kindern. Viele von Ihnen leben in Armut – trotz staatlicher Fürsorge. Sollen wir Ihnen die staatliche Hilfe neiden? Sollen wir Ihnen unterstellen, dass Sie Partner verschweigen um an die staatlichen Hilfen zu gelangen? Verdienen diese Menschen keine Hilfe? Weil Sie Frauen sind? Weil Sie keinen Job haben?

    Es müßte bis in Ihre Redaktion mittlerweile vorgedrungen sein, dass die Erwerbstätigkeit von jungen Eltern nicht die besten sind. Schon gar nicht, wenn sie alleinerziehend sind. Das liegt nicht an faulen Vermittlern bei der Agentur für Arbeit, sondern an fehlenden Betreuungsmöglichkeiten für die Sprößlinge. Es erstaunt micht, wie Sie zu der Behauptung kommen, dass alleinerziehende Mütter über einen bestimmten Lohn verfügen. Auf welche Untersuchung begründen Sie diese Zahlen?

    Es ist schade, dass eine so große Zeitung wie die Ihre, einen solchen menschenverachtenden Artikel verbreitet. Deutschland hat laut jüngsten Studien die niedrigste Geburtenrate seit dem zweiten Weltkrieg. Da sollte es ein gesellschaftliches Interesse dafür geben, Eltern (ob Alleinerziehend oder nicht) den Weg in die Erwerbstätigkeit zu ebnen und sie nicht unter Pauschalverdacht als „Parasiten“ des Sozialstaates zu diffamieren. Oder möchten Sie in die 50er Jahre zurückkehren, als Frauen ohne die Zustimmung des Mannes kein Bankkonto eröffnen konnten? Ich nicht.

  2. 2 Pirx 26. Januar 2010 um 17:08 Uhr

    „Welche Motivation haben Sie, eine der schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft an den Pranger zu stellen? „

    Es ist ein Anliegen meines Beitrags, diese berechtigte Frage aufzuklären.
    Leider bleibt moralische Empörung oft die einzige Reaktion auf die „Menschenverachtung“ der FAZ Schreiberlinge. Nicht wenige Leser werden deren Problemdefinition jedoch zugestimmt haben. Mit moralischen Anklagen ist denen nichts entgegen zu setzen.

    Ausgerechnet die deutsche Geburtenrate als Argument für mehr Rücksicht auf Familien anzuführen, halte ich für ziemlich daneben. Der Wunsch vieler Menschen nach einem angenehmen Leben und das Bedürfnis Deutschlands nach mehr Kandidatinnen für Mutterkreuze gehen nun wirklich nicht in eins. Die Bedingtheit dieses Arguments könnte einem schon mal auffallen. Leute wie die von der FAZ und von der Leyen halten ja auch dagegen, dass die Falschen die Kinder kriegen. Also bitte keine Nützlichkeit als guten Grund gegen schlechte Behandlung!

    Der FAZ Artikel hat auch auf diversen anderen Blogs Reaktionen ausgelöst. Diese sind aber meist ziemlich argumentarm und beschränken sich nicht selten auf die Äußerung von Empörung. Da zählen dieser vielgelesene und dieser schon zu den besseren. Wie man denn zu sowas kommt erklärt aber keiner.

  1. 1 contradictio.de » Allgemein » Alleinerziehende mal anders betrachtet Pingback am 26. Januar 2010 um 0:45 Uhr
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